Perikoronitis
Die Perikoronitis ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnfleisches, die im Bereich teilweise durchgebrochener Zähne auftritt. Besonders häufig sind die Weisheitszähne betroffen, weshalb diese Erkrankung vor allem bei jungen Erwachsenen zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr auftritt. Die Perikoronitis kann von leichten lokalen Beschwerden bis hin zu ausgedehnten Entzündungen mit systemischen Auswirkungen reichen und erfordert eine zeitnahe zahnärztliche Behandlung, um schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden.
Definition und Entstehung
Der Begriff Perikoronitis leitet sich aus dem Griechischen ab – „peri“ bedeutet um herum, „corona“ bezeichnet die Zahnkrone und die Endung „-itis“ steht für Entzündung. Es handelt sich also um eine Entzündung des Gewebes, das einen teilweise durchgebrochenen Zahn umgibt. Typischerweise entsteht diese Situation, wenn ein Zahn den Kieferknochen bereits verlassen hat, aber noch nicht vollständig durch die Schleimhaut in die Mundhöhle durchgebrochen ist.
In dieser Phase des Zahndurchbruchs bildet sich über dem noch nicht vollständig sichtbaren Zahn eine Schleimhautkapuze. Dieses Gewebe wird als Operculum bezeichnet und bedeckt teilweise die Kaufläche des durchbrechenden Zahns. Unter dieser Kapuze entsteht ein geschützter Raum, in dem sich Speisereste und Bakterien ansammeln können. Die mechanische Reinigung dieser Region ist für den Patienten nahezu unmöglich, wodurch ideale Bedingungen für bakterielles Wachstum entstehen.
Die Entzündung beginnt meist als oberflächliche Gingivitis im Bereich der Schleimhautkapuze. Ohne adäquate Behandlung kann sich die Infektion jedoch in die Tiefe ausbreiten und zu schmerzhaften Abszessen, Kieferklemme oder sogar lebensbedrohlichen Komplikationen wie einer Phlegmone oder Ludwig-Angina führen. Die anatomische Nähe zu wichtigen Strukturen wie Kiefergelenk, Kaumuskulatur und Schlundraum erklärt die potenzielle Gefährlichkeit einer unbehandelten Perikoronitis.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Hauptursache der Perikoronitis ist die bakterielle Besiedelung des Raums unter der Schleimhautkapuze. Im feuchten, warmen Milieu der Mundhöhle finden anaerobe Bakterien optimale Vermehrungsbedingungen. Nahrungsreste, die sich unter dem Operculum festsetzen, dienen als Nährstoffquelle für diese Mikroorganismen. Die entstehenden bakteriellen Toxine und die Immunreaktion des Körpers führen zur Entzündung des umgebenden Gewebes.
Platzmangel im Kiefer ist ein bedeutender prädisponierender Faktor. Wenn der Weisheitszahn nicht genügend Raum für einen vollständigen Durchbruch hat, verbleibt er teilweise im Knochen oder durchbricht nur unter der Schleimhaut. Diese retinierten oder teilretinierten Zähne sind besonders anfällig für Perikoronitiden. Auch die Lageanomalien der Weisheitszähne – etwa eine horizontale oder schräge Position – begünstigen die Entstehung von Schlupfwinkeln für Bakterien.
Mechanische Traumatisierung durch den Gegenbiss verstärkt die Problematik. Beim Kauen beißt der Zahn des Gegenkiefers wiederholt auf die empfindliche Schleimhautkapuze, was zu Mikrotraumen, Schwellung und verstärkter Entzündung führt. Dieser Circulus vitiosus verschlimmert die Situation kontinuierlich, da die geschwollene Schleimhaut noch weiter in den Bissbereich ragt.
Weitere Risikofaktoren umfassen unzureichende Mundhygiene, Rauchen, Stress, Immunschwäche und hormonelle Veränderungen. Während der Schwangerschaft oder bei Einnahme oraler Kontrazeptiva kann die Anfälligkeit für entzündliche Prozesse im Mundbereich erhöht sein. Systemische Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder immunsuppressive Therapien schwächen die körpereigenen Abwehrmechanismen und begünstigen schwere Verläufe.
Symptomatik und Verlauf
Die klinischen Manifestationen der Perikoronitis variieren erheblich in Abhängigkeit vom Schweregrad und der Ausbreitung der Entzündung. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen akuter und chronischer Verlaufsform, wobei beide Formen ineinander übergehen können.
Akute Perikoronitis
Die akute Perikoronitis beginnt oft plötzlich mit starken Schmerzen im Bereich des betroffenen Zahns. Die Beschwerden strahlen häufig ins Ohr, in die Schläfe oder den Hals aus und können das Kauen, Schlucken und Öffnen des Mundes erheblich beeinträchtigen. Die Schleimhautkapuze ist gerötet, geschwollen und äußerst berührungsempfindlich. Bei Druck auf das Operculum kann sich Eiter entleeren, oft mit unangenehmem Geschmack und Geruch.
Ein charakteristisches Symptom ist die eingeschränkte Mundöffnung, medizinisch als Kieferklemme oder Trismus bezeichnet. Diese entsteht durch Schwellung und schmerzhafte Verspannung der Kaumuskulatur. In ausgeprägten Fällen können Patienten den Mund kaum noch öffnen, was die Nahrungsaufnahme erschwert und die zahnärztliche Untersuchung behindert.
Systemische Symptome wie Fieber, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und geschwollene Lymphknoten im Kieferwinkel- und Halsbereich deuten auf eine Ausbreitung der Infektion hin. Der Allgemeinzustand kann erheblich beeinträchtigt sein, und Patienten fühlen sich krank. In solchen Fällen ist eine sofortige zahnärztliche oder kieferchirurgische Behandlung erforderlich.
Chronische Perikoronitis
Die chronische Form verläuft schleichender mit milderen, aber wiederkehrenden Beschwerden. Patienten berichten über wiederkehrende Druckgefühle, leichte Schmerzen beim Kauen und gelegentliches Anschwellen der Schleimhautkapuze. Die Symptome können über Wochen oder Monate bestehen und in akute Schübe übergehen, insbesondere bei Stress, Erkältungen oder geschwächtem Immunsystem.
Zwischen den akuten Phasen erscheint das betroffene Areal relativ unauffällig, wobei eine leichte Rötung und Schwellung persistieren können. Die chronische Reizung führt zu einer Verdickung und Fibrosierung der Schleimhautkapuze. Viele Patienten suchen erst bei akuter Verschlechterung zahnärztliche Hilfe, obwohl eine frühzeitige Behandlung Komplikationen vermeiden könnte.
Diagnostik
Die Diagnose einer Perikoronitis basiert primär auf der klinischen Untersuchung. Der Zahnarzt inspiziert den betroffenen Bereich und achtet auf typische Entzündungszeichen wie Rötung, Schwellung, Schmerzhaftigkeit und mögliche Eiterbildung. Die Palpation der regionalen Lymphknoten gibt Hinweise auf die Ausbreitung der Infektion. Die Beurteilung der Mundöffnung dokumentiert den Grad der Kieferklemme.
Röntgenaufnahmen sind unverzichtbar für die Beurteilung der Zahnsituation. Ein Panoramaröntgenbild zeigt die Position des Weisheitszahns, den Durchbruchswinkel, die Beziehung zu Nachbarstrukturen und mögliche Knochenabbauerscheinungen. Diese Informationen sind essenziell für die Behandlungsplanung, insbesondere wenn eine chirurgische Entfernung des Zahns erwogen wird.
In schweren Fällen mit ausgeprägter Schwellung oder Verdacht auf tiefe Ausbreitung der Infektion können zusätzliche bildgebende Verfahren wie Computertomographie oder Magnetresonanztomographie notwendig sein. Diese Untersuchungen visualisieren Abszesse, Beteiligung der Weichgewebe und mögliche Komplikationen wie Osteomyelitis oder Kieferhöhlenbeteiligung.
Laboruntersuchungen mit Bestimmung von Entzündungsparametern (Leukozyten, CRP) helfen bei der Einschätzung des Schweregrades und der systemischen Beteiligung. Bei rezidivierenden oder therapieresistenten Verläufen kann ein mikrobiologischer Abstrich zur Identifikation der beteiligten Bakterien und zur gezielten Antibiotikatherapie sinnvoll sein.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Therapie der Perikoronitis richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und umfasst konservative und chirurgische Maßnahmen.
Konservative Therapie
Bei leichten bis moderaten Formen steht die konservative Behandlung im Vordergrund. Die gründliche lokale Reinigung ist der erste Schritt. Der Zahnarzt spült den Raum unter der Schleimhautkapuze mit antiseptischen Lösungen wie Chlorhexidin oder Wasserstoffperoxid aus, um Bakterien und Debris zu entfernen. Diese Spülung kann mehrfach wiederholt werden und bringt oft sofortige Erleichterung.
Schmerzmedikation und entzündungshemmende Medikamente lindern die Beschwerden. Nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen wirken sowohl analgetisch als auch antiphlogistisch und sind Mittel der ersten Wahl. Bei ausgeprägten Schmerzen können stärkere Analgetika notwendig sein.
Die systemische Antibiotikatherapie ist bei schweren Verläufen mit systemischer Beteiligung indiziert. Mittel der Wahl sind Penicilline oder bei Unverträglichkeit Clindamycin, die gegen die typischen oralen Anaerobier wirksam sind. Die Antibiotikagabe sollte für mindestens fünf bis sieben Tage erfolgen, um Rezidive zu vermeiden
Unterstützende Maßnahmen umfassen:
- Mundspülungen mit antiseptischen Lösungen mehrmals täglich zur Reduktion der Bakterienlast
- Kühlende Umschläge von außen zur Abschwellung und Schmerzlinderung
- Weiche Kost zur Schonung des betroffenen Bereichs
- Intensive Mundhygiene im übrigen Gebiss zur Vermeidung weiterer Infektionen
- Verzicht auf Rauchen und Alkohol, die die Heilung beeinträchtigen
Chirurgische Therapie
Wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen oder rezidivierende Perikoronitiden auftreten, ist eine chirurgische Intervention erforderlich. Die Operkulektomie bezeichnet die Entfernung der Schleimhautkapuze. Dieser kleine Eingriff erfolgt in lokaler Betäubung und schafft freien Zugang zur Zahnoberfläche, wodurch die Reinigung erleichtert und weitere Entzündungen verhindert werden.
Die definitive Lösung bei rezidivierender Perikoronitis oder ungünstiger Zahnlage ist die Extraktion des Weisheitszahns. Diese Entscheidung wird nach sorgfältiger Abwägung getroffen und berücksichtigt Faktoren wie Platzverhältnisse, Zahnposition, Alter des Patienten und bisherige Beschwerdehistorie. Die Entfernung erfolgt idealerweise im entzündungsfreien Intervall, da die Heilung dann besser verläuft und das Komplikationsrisiko geringer ist.
Komplikationen
Unbehandelte oder inadäquat therapierte Perikoronitiden können zu ernsten Komplikationen führen. Abszessbildungen im Kieferwinkelbereich, Phlegmonen mit Ausbreitung in die tiefen Halsweichteile oder eine Osteomyelitis des Unterkiefers sind gefürchtete Folgen. Besonders gefährlich ist die Ludwig-Angina, eine lebensbedrohliche Infektion der Mundbodenregion, die zur Verlegung der Atemwege führen kann.
Chronische Entzündungen können den Abbau des Alveolarknochens am Nachbarzahn fördern und dessen Prognose verschlechtern. Kiefergelenksbeschwerden durch anhaltende Kieferklemme und Verspannungen der Kaumuskulatur können chronifizieren. Systemische Komplikationen wie Endokarditis bei Patienten mit Herzerkrankungen oder Blutvergiftung bei Immunschwäche sind selten, aber möglich.
Prävention und Nachsorge
Die beste Prävention der Perikoronitis besteht in regelmäßigen zahnärztlichen Kontrollen, bei denen die Durchbruchssituation der Weisheitszähne überwacht wird. Bei Anzeichen von Platzmangel oder ungünstiger Lage kann eine prophylaktische Entfernung erwogen werden, bevor entzündliche Komplikationen auftreten. Die sorgfältige häusliche Mundhygiene mit besonderer Aufmerksamkeit für schwer zugängliche Bereiche im hintersten Kieferabschnitt reduziert das Risiko. Nach abgeklungener Akutphase sollte die definitive Lösung der Problemsituation zeitnah angegangen werden, um erneute Entzündungsepisoden zu vermeiden.
